In Madurai im Süden Indiens wächst eine Stadt um einen Tempelkomplex. Die Bauten des Tempels bilden konzentrische Ringe, im Zentrum liegt der wichtigste Bereich. Das Prinzip ist die Zentrierung, die Ordnung um einen Mittelpunkt. [Abbildung: Lageplan von Madurai mit den Ringen um den Meenakshi-Tempel.]
Der Beitrag fragt, wie eine Mitte eine Stadt ordnet und welche Rolle das Umschreiten dabei spielt. Er vergleicht Madurai mit der Kaaba in Mekka und mit der Festungsstadt Palmanova.
Der Mittelpunkt als Ordnung
Die Kaaba in Mekka bildet den Mittelpunkt der islamischen Welt. Das Gebet richtet sich weltweit zu ihr aus, daher sind Moscheen auf sie gerichtet. Die Mitte bestimmt hier die Ausrichtung aller Bauten.
Ein Mandala ordnet den Raum ähnlich, mit einer Mitte, die als Zentrum des Kosmos gilt. Erich Lehner deutet die Mitte als Ort der höchsten Gottheiten. Pothorn nennt das Mandala in mehreren Abschnitten [prüfen: Seiten].
Ringe statt Raster
In Madurai verlaufen die Straßen konzentrisch um den Tempel. Die Straßen werden als Gliederung in vier Richtungen mit Mittelstraßen. Die Online-Recherche widerspricht dieser Benennung: Die Straßen und Kreuzungen tragen Namen der Monate des tamilischen Kalenders, nicht der Himmelsrichtungen [Online-Korrektur: Wikipedia, „Meenakshi Amman Temple“, Abruf 23.10.2026]. Tamilische Texte vergleichen das Straßennetz mit einer Lotusblüte. Die Monatsnamen verweisen auf Prozessionen, die an bestimmten Orten beginnen.
Umschreiten
Das Umschreiten eines heiligen Ortes heißt in Indien Pradakshina. Der Begriff bedeutet „nach rechts herum“. Die Bewegung folgt den Ringen von außen nach innen. Abbildungen zeigen das Umschreiten als Konzept der Anlage, auch bei den Candis in Zentraljava [Abbildung: Folie 06, S. 47–49, Umschreiten in Indien und auf Java].
Im Hinduismus und Buddhismus umkreist man den heiligen Ort im Uhrzeigersinn. Die Kaaba wird dagegen gegen den Uhrzeigersinn umschritten. Diese Gegenläufigkeit wird mit Leben und Tod verbunden. Das ist eine Deutung, die sich auf die Richtungsbedeutung stützt, aber keine allgemeine Regel ist [prüfen].
Rechts als gute Seite
Aus dem Umschreiten wird eine Ordnung von Rechts und Links abgeleitet. Rechts gilt als gut, links als schlecht. Die Sprache stützt dieses Muster: Im Spanischen bedeutet „derecho“ sowohl „rechts“ als auch „geradeaus“ und „Recht“. Im Englischen heißt „right“ zugleich „rechts“ und „richtig“, im Polnischen „prawo“ „rechts“ und „Recht“.
Diese Rangordnung wird zusätzlich auf die Mehrheit der Rechtshänder zurückgeführt. Das ist eine Deutung und nicht belegt [prüfen].
Palmanova als gebaute Mitte
Palmanova in Friaul zeigt, wie Mitte und Umfassung zusammenwirken. Die Stadt wurde am 7. Oktober 1593 von der Republik Venedig gegründet, rund 20 km von Udine entfernt. Ihr Grundriss ist ein neunzackiger Stern mit einem sechseckigen zentralen Platz [Online-Korrektur: Wikipedia, „Palmanova“, Abruf 23.10.2026]. Koch zählt Palmanova zu den wenigen realisierten Idealstädten (Koch, S. 410).
Der Platz wird als Aufmarschplatz des Militärs gedeutet, die Kirche als Bau am Rand dieses Platzes [prüfen]. Madurai ordnet die Stadt um einen Sakralbau, Palmanova um einen militärischen Platz. Die Mitte bleibt in beiden Fällen der Ort, an dem Ordnung sichtbar wird.
Offene Frage
Eine Mitte ordnet. Sie kann religiös, militärisch oder politisch sein. Welche Mitte eine heutige Stadt hat, bleibt offen.
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